06-04-18


Lächerliche Leiden



Ich spaziere durch die Strassen der Stadt. Da hält mich wer an, ein Bekannter :
"Hallo, Amigo ! Wie geht's ?"
"Sie sehen ja, Don Pepe - Gibt's`was neues ?"
"Haben Sie gestern mittag das U-Boot gesehen? Es war hier nahe bei und wir an Land haben es alle gesehen.
Sehr merkwürdig, dass Ihr da vom Schiff, wo Ihr doch alles seht, was so läuft, es nicht gesehen haben wollt."

Ach, jetzt erinnere ich mich, dass zu der Zeit, nicht weit entfernt von  "Los  Guinchos" ein Delphinschwarm vorbeizog
und so sage ich das dem Mann; der weiss es aber besser und schwört bei allen Heiligen des Himmels,
er habe mit eigenen Augen ein Unterseeboot gesehen.
Ich lasse ihn reden und geh' meiner Wege.

Ich betrete eine Kneipe. Jede Menge Leute, Zigarrenrauch, Geruch nach Wein, das Volk diskutierend,
mich kümmert nicht, worum man redet - ich bestelle ein Glas Wein beim Wirt und eine Zigarette
und dann fange ich an, eine Zeitung zu lesen, gestrige Ausgabe.
Das erste, was ich sehe, in grossen Buchstaben : "DIE DEUTSCHE PIRATERIE - Anderer spanischer Frachter
nahe El Hierro versenkt - U-Boote in unsern Gewässern"
Und es folgt ein Artikel, eine einzige Lüge, ein Artikel voller Hass und Beleidigungen gegen mein Vaterland.
Mir ist übel, ich lasse die Zeitung und höre doch rein in die Dispute der Leute in der Kneipe :

"Und, glauben Sie nicht, mein Lieber, dass die U-Boote hierher kommen ?
Wir haben sie schon gesehen, wie sie kommen - bis hin, wie sie an der "Pamir" längsseits gehen.
Und, schaut her, hier ist ein Deutscher und wenn er die Wahrheit liebt,
kann er gewiss bestätigen, was ich hier gesagt habe."
Ich aber, nicht diese Art Wahrheit liebend, verabschiede mich "a la francesa".

Wohin nun ?  Ich mag dieses dumme Geschwätz nicht mehr hören,
das wie eine Epidemie fast die gesamte Bevölkerung ansteckt.

Ich weiss schon und werde Herrn X und Gattin besuchen, liebenswerte Personen und sehr vernünftig.
Schon bin ich da, klopfe an, ein Dienstmädchen macht mir auf :  "Ist Herr X zu Hause ?"
"Ja, Herr. Nehmen Sie Platz, ich sage Bescheid."
Wenige Augenblicke später erscheint der Herr  und reicht mir herzlich die Hand.
Er sagt mir, ich möge seine Gattin entschuldigen, die sei, nichts von meinem Besuch ahnend,
gerade mit einer besten Freundin auf einen Spaziergang.
So reden wir denn und natürlich dauert es nicht lange und es kommt der Moment des Gesprächs,
das derzeit alle Welt bewegt : der Krieg. Herr X ist angetan von den U-Booten :
"Was haben die doch in letzter Zeit grosse Erfolge gehabt ! Wer hätte gedacht,
dass solch eine kleine Waffengattung heute so stark und einflussreich sein werde.
Und wie nahe die schon sind !
Viele Schiffbrüchige sind schon gelandet von nahe bei den Kanaren versenkten Frachtern.
Nicht wahr, Ihr vom Schiff seid doch immer in Verbindung mit euren Landsleuten ?"

"Aber, Herr X, wie kann das denn sein ? Wir verfügen über keinerlei Kommunikationstechnik
und ausserdem : Was könnten die U-Boote denn von uns haben wollen ?
Essbares vielleicht, gerade jetzt, wo das an Bord bringen jeder Art Lebensmittel so scharf überwacht wird ?
Wo doch der zuständige Mann fast jede Nacht den, der das Fleisch für an Bord bringt, fragt :
"Na, wieviel Fleisch schleppt Ihr an ?"  -  Man hat uns, den Leuten an Bord, verboten,
nachts an Deck Streichhölzer zu zünden, weil, wie die Leute sagen, wir den U-Booten Lichtsignale gäben."

"Ja, Mann, Ihr bringt aber doch so viel Sachen an Bord, unmöglich, dass das nur zu Eurem Unterhalt ist.
Sicher gebt Ihr was an Eure Jungs ab, die das schlechte Leben unter Wasser erleiden."

Meine daraufhin letzte Erwiderung, wir, von anderer "Rasse", ässen mehr als die Spanier, ist schon für taube Ohren.
Und ich, nicht gewillt, weiter zu diskutieren, verabschiede mich von Herrn X, eine Verabredung vorschützend.

Oh, welch schlimme Krankheit ist diese, nicht für die von ihr angegriffenen, sondern für die,
die mit den Kranken in Berührung kommen... Was mag diese Frau von mir wollen? Sie ruft mich?
Als denn, auf gut Glück! Obwohl ich schon vermute, was sie will, trotzdem mal sehen!
Eine Frau, nicht mehr die jüngste, Trauerkleidung, aber imstande, zu reden wie ein Grammophon.
"Schauen Sie, Sie sind doch Deutscher!" (Gute Einleitung und ich kann und will es nicht leugnen.)
"Was sind die Deutschen doch für Schlingel mit ihren U-Booten !"
(Ich lache mir eins - die gleiche Chose wie immer - diesmal in grün.)
"Lachen Sie nicht, weil, ich habe alle Manöver gesehen, die Ihr mit der "Pamir" am machen seid !"

"Aber Frau, um Gottes willen, dann sagen Sie mir doch mal, was Sie gesehen haben!"

"Gut, dann hören Sie mal zu : Eines Nachts im November voriges Jahr bin ich mitternachts auf,
um Milch warm zu machen für meinen Mann, der da sehr schlecht dran war und zufällig guck' ich
aus dem Fenster auf die "Pamir". Und was hab' ich mich erschrocken: Auf einmal ging das weisse Licht aus,
das sie jede Nacht an hat und dann erschien ein grünes Licht auf der Spitze vom Grossmast.
Dann ging das aus und man hat an derselben Stelle ein rötliches Licht gesehen.
Ich konnte schon gar nicht mehr wegschauen vor so mysteriösen Geschehnissen und sah gebannt auf's Schiff.
Auch das Licht ging aus und dann hab' ich ein dunkles Etwas vor dem Schiff treiben sehen,
etwas von innen beleuchtetes. Das war ein U-Boot! Es trieb so da und auf der Seite der "Pamir",
wo die Leiter ist, blieb es unbeweglich stehen. Ein Mann mit einer Lampe in der Hand ging die Leiter runter
und später wieder hoch. Bestimmt hat er den Kapitän vom U-Boot begrüsst."

Ich konnte es schon nicht mehr aushalten, mach' mich davon, der Frau noch den Tip gebend,
Eis auf Kopf und Füsse zu tun, um nicht wieder mal so inbrünstig zu delirieren.

Und, als letztes, mit meiner "chica" zusammen herumstehend, über Liebesdinge zu reden...,
fragt die doch schelmich: "Mir kannst du's ja ruhig sagen: Kommen nicht doch U-Boote zur "Pamir?"

Ich glaube, das einzige Heilmittel wird sein, die "Pamir" auf die Plaza de Santo Domingo zu stellen,
damit alle sie ohne jegliche Beschwerlichkeit im Auge behalten können,
ohne nachts aufwachen und sich erheben zu müssen, um farbige Lichter und mysteriöse Signale für
U-Boote zu sehen.
Gott sei's gedankt, dass die werten Autoritäten nicht auch unter dieser Krankheit leiden,
weil, wenn doch ... ??


Ygittigitt
"Pamir" - 27. März 1918