18-02-18  (und 10-02-29)

EINE MEMPHIS RAUCHEND
An Zuazua


Mein Freund, Sie werden das blaue Wunder mit Ihrer Zigarre erleben.
Ich habe ihr Feuer gegeben, den Atlantik vor mir. Es war Nacht. Aus der Höhe ein Lüftchen,
welches die Seele bläht wie ein Segel, liess mich einen langen Seufzer tun.
Ein Anflug von Romantik? Schwebendes Erinnern an eine Freundin in der Ferne?
Sie werden schon wisssen! ...

Das Meer, wenn auch nicht gut zu sehen, klang nach spielendem Schauer, eintönigem Singsang,
Fischerskinder von Schlaf zu Schlaf hin wiegend. Und von der "Pamir" die blonden Adlerjungen,
die, an der Küste vor Anker, heroisch trunken, die tragische Grösse der fernen Heimat im Chor intonierten:

"Deutschland, Deutschland überalles,
Überalles in der Welt.
Wenn es steht zu Schutz u Trutze
Brüderlich zusammen held."
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Aus zwischen meinen Fingern - "dedos chatos, dedos rojos"
- oh, Horror!, erhob sich eine Rauchspirale, opalschimmernder Grauschleier, parfümiert -
Einer alten, galanten Dame Locke! Die, sich in sich selbst verkringelnd, Träume, Chimären, ferne Visionen wob.
Zuerst: eine Wüste, "Wellengang aus Sand", Spuren von Dromedaren,
von buckligen Kamelen, wankend, mit menschlichem Blick,
und dort, am verdunkelten Horizont, ein riesiger, matter Mond -Symbol der türkischen Flagge-
blutige Gazeschleier verbrennend hinter zugespitzt schlanker Gestalt einer musikalischen Palmenoase ...

* * *

Anders : Nun Kairo. Weltoffene Kais, Masten von Schiffen, fremder Jargon, Turbane wie Schaum obenauf
über schrägstehend langgestreckten Augen, misstrauend in ihrem vieltausendjährigen Mysterium, Löser der Rätsel des Pharao,
Geheimnis der Mumien, Grabinschriften, älter als die Zeit, schmerzensvoller als alle Religionen.
Aber schon wird es Tag. Über [in der Veröffentlichung 1929: Unter] dem zitronengelben Horizont erstreckt sich ein Streifen aus Gold,
der später zu Blei wird und schliesslich zu nichts,
während die Sonne erlesene und fantastische Brände auf den runden Kuppeln und den vielen Minaretten der heiligen Stadt vortäuscht...
Ein Ibis  - oh, Vargas Vila - greift nach seinem weissen Daunenfederkleid
und breitet seine feuchten Flügel aus, um die junilaue Nachtluft zu verdampfen,
während seine leichten, feinen, hieratischen Beine wie angeleuchtet auf der Wasseroberfläche blühen.
Verschiedene Ausländer, die auf dem Weg zu den Pyramiden vorbeikommen, fragen bewundernd, den Beduinen :
Ist das aus Stein ? Ist das aus Marmor ?
Und noch bevor man die Antwort hört, verschwindet das Tier in einer silbrigen Bewegung, von der Sonne beschienen.

* * *

Tänze der Imperio und der Duncan. Exotische Zambra ...
Wilde Köpfe spähen aus dem Halbdunkel des Zimmers, und hier,
unter dem verlogenen Licht und dem Duft mohammedanischen Tees,
windet sich ein Mädchen - eine gut modellierte Statuette aus Ton,
beugt sich, bricht sich über die Linien des Körpers und die triefenden Hüften, ihre Brüste springen,
nackt und aufgerichtet, in einem kupferfarbenen Gewirr aus Riemen und Halsketten ...
Jetzt singt sie. Der kleine Bauch hüpft, bläht sich, sinkt ein - sie scheint noch schlanker.
Der Kopf ein Weihrauchgefäss, ein Garten, der nach Rosen, Zedern und Narzissen duftet,
schreckliche Sehnsüchte in den verwirrten, alten Gehirnen weckt...
Gómez  Carrillo tritt ein, unsere Erinnerungen gehen aus.

* * *

- Stille -
Plötzlich eine Frauenstimme neben mir:
"Warum schweigst du? Mach doch weiter! Ist dir die Inspiration schon entwischt?"
"Nein. Nur... meine Zigarre ist zu Ende..."

* * *

An Doktor Zuazúa: Lieber Freund, würden Sie mir morgen noch eine schenken, damit ich weiter träumen kann?
Opium ist zweifellos grossartig, um die Seele zu desinfizieren.
Wie der berühmte Autor von "Die schwache Festung" bin auch ich krank an Zivilisation.
Ich gehe seit Tagen nicht mehr vor die Tür... Wozu auch?
So viel geistige Fäulniss da draussen auf den Strassen!...
Welchen Ekel, welche Scham du empfändest, könntest du sie betrachten.
Oh, Prinz von Dänemark !...